Eine sehr liebe alte Dame ist gegangen!

Ich habe vor einem Jahr Ingeborg Kobza durch Zufall kennengelernt, als ich bei Lauretana anrufen wollte, um dieses ‚leichte‘ und damit zum Entschlacken ideale Mineralwasser in Glasflaschen zu mir nach Hause zu bestellen! Die Telefonnummer war ohne Ländervorwahl angegeben und damit landete ich bei Inge. Sie meldete sich mit einer jungen und fröhlichen Stimme und war sehr freundlich, sodass mein Fehlanruf zu einem interessanten und unterhaltsamen Gespräch wurde und wir feststellten, dass wir uns gut verstehen könnten. Da ich ein Faible für ältere Menschen habe und mich gerne mit ihnen unterhalte, verabschiedeten wir uns mit der Idee, dass ich Inge demnächst einmal besuchen komme.

Gesagt, getan … in der Woche darauf fuhr ich zu meinem ‚blind date‘ mit Inge. Ich war neugierig wie sie wohl live sein würde und war begeistert, als ich merkte, dass diese schlaue Dame ihre Nachbarin ‚aktiviert‘ hat, um kurz nach meinem Eintreffen zufällig vorbeizukommen, um zu schauen, ob alles ok ist! Wir waren einander sofort sympathisch und sehr verbunden. Inge war so eine unterhaltsame und gescheite Person, die mich ein wenig an meine Großmutter erinnerte und trotz ihres Alters so einen lebhaften Verstand hatte und an so vielem interessiert war … faszinierend!

Inge erzählte mir viel aus ihrem Leben … sie hat in ihren 87 Jahren so viel erlebt und war so eine  tapfere und vor allem lustige, alte Dame. Sie erzählte mir, dass sie mit ihrer Mutter den zweiten Weltkrieg als Kind miterlebt hat, dass sie sich noch an die Angst der Menschen erinnern konnte und sich ihre Mutter nicht nur einmal über sie geworfen hat, um sie zu schützen und notfalls ihr eigenes Leben zu opfern. Sie erinnerte sich an eine unglaublich arme Zeit, wo die Menschen jedoch zueinandergestanden haben und gemeinsam Wien wiederaufgebaut haben. Sie sagte auch oft „Es war schöner früher – liebevoller und geselliger!“

Auch erzählte sie mir vom Tod ihres Mannes, ihrer großen Liebe, als dieser 36 und sie ca. 30 Jahre jung war. Er hatte in der Nacht einen Herzinfarkt und da es damals keinen Notruf oder ähnliches gab, war es zu spät für ihn, als der Arzt am nächsten Tag kam. Danach hat diese starke, zarte Person ihr Leben begonnen alleine zu meistern. Ihre Mutter begleitete sie nach einer schweren Krebserkrankung in den Tod und hatte danach niemanden mehr. Sie erzählte mir aber auch von ihren schönen Reisen in Österreich, dass sie zwei Hunde hatte, die sie wie Kinder liebte, dass sie nie mehr wieder so eine Beziehung hatte wie mit ihrem Mann, dass sie gelernte Verkäuferin war und so stolz darauf, weil ihre Mutter, die nichts hatte, ihr das ermöglicht hat. Andere Mädchen in ihrem Alter mussten in eine Fabrik arbeiten gehen.

Es waren viele Gespräche im letzten Jahr, die sehr unterhaltsam und liebevoll waren, manchmal auch voll Trauer, Einsamkeit und der Angst, ganz alleine zu sein in der letzten Stunde! Auch sagte sie manchmal, dass der Gedanke daran so furchtbar ist, niemanden mehr zu haben und dass es eigentlich egal ist, ob man noch lebt oder nicht. Diese Gedanken und ihre Angst konnte ich ihr nicht nehmen, aber ein Stückchen ihrer Einsamkeit schon. Ich bin sehr gerne zu ihr gekommen, hab‘ meinen Kaffee oder Tee bei ihr getrunken, hab‘ ihr beim Erzählen zugehört, Gugelhupf gegessen, ihren 87. Geburtstag haben wir gemeinsam mit ihrer lieben Nachbarin gefeiert. Sie gab mir immer so eine Ruhe, wenn ich dort war und auch die Erkenntnis, dass irgendwann alles, wonach wir streben, nicht mehr wichtig ist, dass alles einfach seine Zeit hat, die genutzt werden darf.

Später geht es dann nicht mehr ums Sammeln und Tun, sondern nur noch ums Loslassen und jeden Moment genießen. Auch wurde mir durch Inge die Wichtigkeit der ‚Museumstage‘ in unserem Leben so bewusst, wie John Strelecky sie nennt. Also die Momente im Leben, die du sammelst und auf die du dann später zurückschauen kannst, um dich daran zu erfreuen! Die Idee ist es, aus jedem Tag einen Museumstag zu machen oder zumindest Museumsmomente zu erleben und mitzunehmen!

Inge verstarb am 30.11.2021 am späten Nachmittag an einem Sekundentod. Sie fehlt mir und ich denke viel mehr an sie und unsere gemeinsamen Stunden, als ich dachte. Das zeigt mir wieder einmal, dass nicht die Quantität, die man mit Menschen verbringt, schöne Erinnerungen schafft, sondern die Qualität! Ich übe mich jetzt wieder verstärkt darin, viele Erlebnisse meines Tages in ihrer Einmaligkeit zu genießen. Damit steigt automatisch die Achtsamkeit und Momente und Begegnungen werden magisch! Dankeschön Inge und gute Reise! :-)))